Direkt zum Inhalt springen

Gemeinderat direkt: Frühe Sprachförderung: Chancengerechtigkeit von Anfang an

Jeden Monat schreibt ein Mitglied des Gemeinderats einen Beitrag unter der Rubrik «Gemeinderat direkt». Die aktuelle Kolumne ist von Gemeinderätin Rahel Bänziger.

Gerade im Bereich Bildung lesen wir heutzutage sehr viel über Chancengleichheit: Alle sollen die gleichen Möglichkeiten haben, gut zu leben, zu lernen, sich zu entfalten und ihren gewünschten Weg zu finden und schliesslich auch zu gehen. Oft wird dabei vergessen, dass manche etwas mehr, und andere etwas weniger von diesem oder jenem benötigen. Die Kunst – vor allem in der Bildung – ist daher, jeder Person die optimale, speziell auf sie oder ihn zugeschnittene Unterstützung zuteilwerden zu lassen. Diese kann daher unterschiedlich aussehen. Ein Kind braucht z.B. mehr Unterstützung im Sport, damit es die gesetzten Lernziele erreichen kann. Ein anderes benötigt vielleicht spezielle Förderung in den Sprachen oder in den Naturwissenschaften.

In der folgenden Abbildung ist bildhaft dargestellt, was der Unterschied zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit ist: Wenn alle drei Personen je eine Kiste (gleich verteilt) zum Draufstehen erhalten, sehen nur deren zwei über den Zaun. Erhält die kleinste Person jedoch zwei Kisten (gerecht verteilt), sehen alle drei das Spiel. Je nach Bildungsbereich sind daher keine, eine oder mehrere «Kisten» nötig, damit alle Kinder über den «Zaun» schauen können.


Bild: Interaction Institute for Social Change | Artist: Angus Maguire

Die wichtigste Voraussetzung, um optimal von unserem ausgezeichneten Bildungssystem profitieren zu können, ist die Kenntnis unserer Sprache. Hier haben «einheimische» Kinder den Vorteil, dass ihnen Schweizerdeutsch bereits in die Wiege gelegt wird. Der Schritt zum Erlernen der Schriftsprache erfolgt anschliessend im Kindergarten und in der Primarschule. Kinder aus anderen Schweizer Sprachregionen, Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund oder Flüchtlingskinder haben hier einen entscheidenden Nachteil, der ihnen den Schulstart immens erschwert.

Daher ist es wichtig, das Erlernen unserer Sprache so früh wie möglich zu starten, damit der Schulstart sowie die soziale Integration gelingt und nicht schon zu Beginn ein «Hinterherhinken» die Freude am Lernen trübt. Hier greift die frühe Sprachförderung ein. Das Ziel der frühen Sprachförderung ist es, dass Kinder schon vor Beginn des Kindergartens die Möglichkeiten erhalten, in Spielgruppen, Tagesfamilien oder Kitas unsere Sprache spielerisch zu erlernen.

Im Kanton Basel-Landschaft wurde die frühe Sprachförderung (FSF) am 1. September 2024 gesetzlich verankert. Acht mutige, vorausschauende Gemeinden aus dem Leimental (darunter Binningen) waren jedoch Vorreiter und haben schon im Jahr 2018 in einer Pilotphase ein Konzept dazu erarbeitet, ein Pilotprojekt (2020–2024) gestartet, dieses evaluiert und wertvolle Erfahrungen gesammelt. Deshalb haben wir nun einen «Vorsprung» gegenüber anderen Gemeinden, die ein Angebot für FSF erst jetzt von Gesetzes wegen einführen müssen.

Spielgruppen und Kitas, die FSF anbieten, werden finanziell unterstützt bei der Weiterbildung der Betreuungspersonen und Eltern erhalten Subventionen, wenn sie ihre Kinder in einer zertifizierten Einrichtung betreuen lassen. Seit der Einführung des Gesetzes wird das Sprachverständnis der Kinder statistisch erhoben mittels einer von der Universität Basel entwickelten Sprachstanderhebung (SSE). Alle Eltern von 4-jährigen Kindern (auch Schweizer Kinder) erhalten einen Fragebogen zugeschickt und sind gehalten, diesen auszufüllen. Diese Fragebogen werden ausgewertet und es wird ermittelt, ob das Kind einen Förderbedarf ausweist oder nicht. Wenn ein Förderbedarf besteht, werden die Eltern benachrichtigt und auf die Möglichkeiten der FSF-Angebote (und auch deren Subventionen) in ihren Gemeinden hingewiesen.

Neueste Erhebungen zeigen ein interessantes und unerwartetes Bild! Die zu Beginn dieses Jahres in Binningen durchgeführten SSE ergaben, dass 37 % der 4-jährigen Kinder Sprachförderbedarf haben. Die grösste Gruppe kommt aus dem englischsprachigen Raum. All diese Kinder können nun freiwillig eine Kita oder Spielgruppe besuchen und werden dabei unterstützt. Da das Angebot freiwillig ist, besteht die Möglichkeit, dass gewisse Kinder durchs Raster fallen und trotz Förderbedarf nicht in den Genuss der FSF kommen. Wir werden diese Zahlen genau beobachten, analysieren und uns gegebenenfalls Schritte zur obligatorischen Förderung überlegen. Basel-Stadt kennt diese Verpflichtung schon und hat damit gute Erfahrungen gemacht. Bei einer Verpflichtung müsste allerdings die Gemeinde die gesamten Kosten für die Sprachförderung übernehmen. Im Endeffekt bin ich überzeugt, dass dieses Geld überaus gut investiert wäre und wir uns diesen Schritt wohlwollend überlegen sollten.

Alle Kinder sollen einen guten Start ins Leben erhalten! Dazu gehört, dass sie unsere Sprache beherrschen und von unserem exzellenten Bildungssystem das Beste herausholen können. Einige brauchen keine Kiste, andere vielleicht deren zwei – das ist Chancengerechtigkeit!

Die Gemeinde Binningen wird sicherstellen, dass möglichst jedes Kind seine benötigten Kisten auch zur Verfügung gestellt bekommt.  

Rahel Bänziger,
Gemeinderätin Ressort Bildung