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Kolumne des Einwohnerratspräsidenten: Zwischen Beikraut und Fortschritt

Traditionsgemäss berichtet das Präsidium des Einwohnerrates zum Ende der Amtszeit über seine Arbeit und Erfahrungen.

«Politik ist wie Unkraut jäten», sagte neulich meine Nachbarin. Kaum ist ein Beet sauber, spriesst schon wieder Neues nach. Ich musste schmunzeln – und gleichzeitig nicken. Denn wer das Privileg (oder die Bürde) hat, im Einwohnerrat zu sitzen, kennt dieses Sisyphus-Gefühl nur zu gut.

Kaum haben wir ein Geschäft beraten, entschieden und abgeschlossen, folgt der nächste Vorstoss. Oft mit ähnlicher Stossrichtung, manchmal gar nur als lauwarme Nuance eines alten Themas. Die eine Ratshälfte sieht stets neue Möglichkeiten, Binningen mit zusätzlichen Projekten und Ausgaben weiterzuentwickeln. Die andere Hälfte hingegen mahnt zur finanziellen Zurückhaltung und möchte den Fokus auf das Wesentliche richten. Manche Vorstösse entspringen kreativen Visionen, andere hingegen stehen mehr im Zeichen politischer Profilierung und parteipolitischer Akzentsetzung. Und irgendwo dazwischen sitzen wir, diskutieren, wägen ab, verwerfen, beschliessen – und beginnen wieder von vorne.

Was hat der Einwohnerrat im letzten Jahr erreicht? Ich könnte aufzählen, wie viele Geschäfte erledigt, wie viele Reglemente verabschiedet oder wie viele Millionen gesprochen wurden. Zahlen beeindrucken, aber sie erzählen nur einen Teil der Geschichte.

Ich sitze nun seit zehn Jahren im Einwohnerrat, davon ein Jahr als Präsident. Wenn ich mich frage, was ich in dieser Dekade persönlich für unsere Gemeinde bewirken konnte, lädt die Antwort zur Bescheidenheit ein. Ich warte immer noch auf meinen «ganz grossen Wurf». Stattdessen blicke ich auf initiierte Geschäfte, die auch acht Jahre nach ihrer Überweisung noch irgendwo in einer Schublade verstauben. Acht Jahre! In dieser Zeit werden Kinder eingeschult und kommen in die Pubertät – in der Binninger Politik reicht es gerade mal für eine Erwähnung im Rückständebericht.

Unsere direkte Demokratie funktioniert langsam. Das ist eine ihrer Stärken – und fordert zugleich Geduld. Gerade bei ausgeglichenen Mehrheitsverhältnissen, wie wir sie in Binningen kennen, braucht es Zeit, Dialogbereitschaft und Kompromisse. Fortschritt geschieht selten in grossen Sprüngen. Er kommt leise, Schritt für Schritt. Vielleicht liegt genau darin der Kern unserer Arbeit: nicht im einen grossen Wurf, sondern in den vielen kleinen Beiträgen. In Anpassungen, Verbesserungen, und der stetigen Pflege dessen, was unsere Gemeinde lebenswert macht. Wie beim Jäten im Garten: Es ist nie ganz «fertig», aber es schafft Raum für Neues.

Und vielleicht ist es auch eine Frage der Perspektive. Eine andere Nachbarin sagte einmal zu mir: «Es gibt kein Unkraut, nur Beikraut.» Ein schöner Gedanke. Vielleicht gilt er auch für die Politik. Was für die einen überflüssig und nutzlos erscheint, ist für andere eine Herzensangelegenheit. Was heute als störend wahrgenommen wird, kann morgen einen wertvollen Nutzen stiften.

Jäten wir also weiter – mit Ausdauer und einem gewissen Mass an Gelassenheit –und sind zuversichtlich, dass unter all dem Beikraut immer wieder etwas blüht, das unsere Gemeinde nachhaltig bereichert und die Zeit im Ratssaal lohnt.

Thomas Haefele
Präsident des Einwohnerrates